Das neue Facebook – Der Big Bang‽

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Ist es ein Flugzeug? Ist es eine Rakete? Ist es ein UFO? Nein, es ist nur das neue Facebook! Viel wurde im Vorfeld der Entwicklerkonferenz von Facebook, der f8 Conference, über die bevorstehenden Änderungen gemutmaßt. Viele Kommentatoren sahen Facebook – angesichts der neuen Konkurrenz durch Google+ – bereits auf dem absteigenden Ast. Doch die innovations- und experimentierfreudige Firma aus Palo Alto hat die Kritiker Lügen gestraft. Ok, sie konnten es nicht besser wissen – die Kritiker und Untergangs-Propheten haben Facebook wohl nur unterschätzt.

Facebook fasst das Leben zusammen

Die offensichtlichste Veränderung gab es bei den Nutzer-Profilen. Facebook will nicht nur Menschen zusammenführen, sondern ihre Geschichte erzählen. Die Profile werden zum 01.10.2011 umgestellt und danach eine Timeline darstellen. Von der Geburt bis heute soll der Nutzer sich darstellen können. Spannend und beängstigend zugleich. Spannend, weil jeder Nutzer sein (online) Leben jetzt darstellen kann. Zeigen kann, wer er wirklich ist, was ihn bewegt und was seine Milestones des Lebens sind.

Profile werden auf Facebook zukünftig als Timeline angezeigt

Beängstigend deshalb, weil plötzlich längst vergessene Statusupdates wieder auftauchen. Mal im ernst: Wer hat schon zig-mal auf den “More”-Link am Ende des eigenen Profils geklickt, um zu sehen, was man im Jahr 2007 geschrieben hat? Das hab nicht mal ich gemacht. Doch jetzt wird das einfacher: Ein Klick auf die Jahreszahl und man reist in die Vergangenheit. Da tauchen Statusupdates auf, die man nicht mehr sehen will oder längst vergessen hatte. Mit Einführung der Facebook Timeline wird das Thema Filtersouveränität wieder wichtiger. Kein Update verschwindet mehr in den Untiefen des persönlichen Streams – ein Klick und man ist in längst vergangenen Zeiten. Für den Nutzer heißt das: Gucken, was in der öffentlichen Timeline steht!

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=hzPEPfJHfKU[/youtube]

Die zweite offensichtliche Änderung ist der Newsstream, denn dieser teilt sich nun auf. In der Mitte der Facebook-Startseite sind die, durch den Facebook-Algorithmus gefilterten Statusupdates. Die Filter werden jetzt stärker anhand der Listen und intelligenten Listen angepasst. Updates von Freunden in der Liste “Enge Freunde” werden komplett in den Newsstream auf der Startseite gespielt. Updates von Freunden in der Liste “Bekannte” werden nicht so häufig im Newsstream zu sehen sein. Es ist jetzt also möglich, den Facebook-Algorithmus direkt zu beeinflussen. Zu dieser Änderung gehört auch der Facebook Ticker, der in der oberen rechten Ecke zu sehen ist. Im Ticker laufen live alle Aktivitäten von Freunden auf. Wer liked etwas, wer shared oder kommentiert etwas, wer schreibt ein Statusupdate? Alles das findet man im Ticker – der kontinuierlich durchläuft. Was auftaucht kann so schnell wieder weg sein, wie es gekommen ist. Privatsphäre-Einstellungen werden auch weiterhin beachtet – Panik ist also unangebracht. Doch dazu hat Casi im Artikel “Facebook und der Abo-Mythos” ausführlich Stellung zu genommen.

Facebook – die Semantik-Maschine

Viel spannender sind aber die Änderungen im Open Graph – dem System hinter den ganzen Likes, Shares und so weiter. Bislang war es nur möglich eine Webseite, einen Film, ein Buch oder ein Kochrezept nur zu “liken”. Mit den Neuerungen führt Facebook ein Semantik-System ein, das auf Verben beruht. User – Action – Object.

Über die Logik "User – Action – Object" wird Facebook zur Semantik-Maschine und kann Handlungen der Nutzer besser erfassen und analysieren

In Zukunft wird man lesen können “Simon liest Artikel X auf Plattform Y” oder “Simon guckt Boston Legal auf Hulu”. Robert Basic hat sich zur Semantik und den Möglichkeiten zum Data Mining ausführlich beschäftigt. Facebook versucht, die Handlungen der Nutzer differenzierter zu betrachten und zu verstehen. Das ist eine Innovation, denn bislang macht dies kein anderes Social Network.

Durch den neuen Open Graph wird Facebook zur Semantik-Maschine. Die Logik ist User – Action – Object

Diese Neuerung führt Facebook nicht alleine ein. Mehrere Dutzend Partner sind bereits dabei und haben ihre Facebook und iPhone Apps dahingehend aktualisiert, dass die neue Semantik umgesetzt wird. Und noch spannender: Handlungen können jetzt automatisch veröffentlicht werden – der Nutzer muss nur einmalig seine Zustimmung geben, indem er den “Add to Timeline“-Button betätigt. Eine der ersten Apps, die diese Automatisierung nutzen, ist der Washington Post Social Reader. Einmal auf “Add to Timeline” geklickt und schon wird jeder Artikel, den man im Washington Post Reader liest im persönlichen Newsstream und der Timeline geposted.

Mit dem Washington Post Social Reader werden gelesene Artikel direkt im Facebook Stream veröffentlicht – ganz ohne Like-Button

Scary, aber irgendwie auch cool. Zum einen wird einem die Entscheidung genommen, ob ich etwas like. Zum anderen wird das, was ich grade lese oder mache, direkt im Stream geposted und damit meine Timeline vervollständigt. Wer das nicht will, der klickt halt nicht auf “Add to Timeline”.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=q3b94kFBah8[/youtube]

Facebook das neue AOL?

Facebook integriert dutzende Dienstleistungen aus dem Internet und den Smartphone-Apps in die eigene Plattform. Ein Freund hört einen Song auf Spotify und schon sieht man dies im Ticker und evtl. auch im Newsstream. Dort kann man den Song direkt abspielen. Wird Facebook damit zum neuen AOL, wie es einige Pessimisten prophezeien?

Mitnichten, denn Facebook ist nicht der Walled Garden, der AOL war. AOL hatte versucht sein eigenes kleines Internet im Internet aufzubauen. Willkürlich auf Webseiten rumsurfen war bei AOL nicht erwünscht. Es war möglich, aber nicht einfach. Die Nutzer sollten im “gute behüteten” AOL-Ville bleiben. Was mit AOL passiert ist, dürfte jedem bekannt sein. Facebook ist nicht der geschlossene Ort, den man möglichst nicht verlassen soll. Facebook integriert verschiedenste Dienste, versucht diese aber selten zu assimilieren. Facebook lebt davon, dass alles denkbare und undenkbare auf der Plattform geteilt werden kann. Die Songs anhören, die meine Freunde grade hören, ist toll. Aber will man immer nur das hören, was die Freunde hören? Sicher nicht. Und deshalb verlässt man die Plattform Facebook und geht zu Spotify, Hulu, Youtube und so weiter. Dort erlebe ich dann das Internet, wie man es selbst möchte und teilt die gemachten Erlebnisse mit den Freunden auf Facebook.

Facebook erhöht damit massiv die Stickiness – die Klebrigkeit. Was machen meine Freunde grade, was beschäftigt sie, welche Erlebnisse und Erfahrungen machen sie grade? All das finde ich auf Facebook – der ersten Anlaufstelle für meine sozialen Kontakte im Web.

Ist Facebook der Big Bang gelungen?

Meiner Meinung hat Facebook einen großen Coup gelandet. Durch die neuen “intelligenten Listen” und die bessere Integration der Freundeslisten in die Plattform hat man ganz deutlich zum Konkurrenten Google+ und den Kreisen aufgeschlossen und miner Meinung nach den Konkurrenten sogar leicht überholt. Das neue Profil hilft durch Storytelling, die Nutzer stärker an die Plattform zu binden und die Konversation weiter zu führen und zu vertiefen. Mark Zuckerberg hat es in seiner Keynote trefend beschrieben:

“Back in the early days of Facebook, your profile was pretty basic – just your name, a photo, where you went to school…stuff you’d cover in the first five minutes you met someone. Over time, your profile evolved to better reflect how you actually communicate with your friends. The way your profile works today, 99% of the stories you share vanish. The only way to find the posts that matter is to click “Older Posts” at the bottom of the page. Again. And again. With timeline, now you have a home for all the great stories you’ve already shared. They don’t just vanish as you add new stuff.”

Mit der Erweiterung des Open Graph durch ein System von Verben und verknüpften Objekten kann Facebook die Handlungen der Nutzer, der Menschen besser verstehen. Und daraus Rückschlüsse auf Verhalten, Bedürfnisse und Wünsche ziehen. Besser als jedes Meinungsforschungsinstitut und vor allem: aktueller! Die Semantik-Maschine wird lernen wann die Nutzer was machen. Damit kann Facebook Empfehlungen und Werbung besser zeitlich und zielgruppenrelevant aussteuern als alle anderen Werbeplattformen bislang.

Durch die Integration verschiedenster Dienste und Medien wird Facebook noch stärker als bisher zur ersten Anlaufstelle der Nutzer im Web. Musik, Videos, Hobbies und vieles anderes wird stärker und vor allem einfacher mit Facebook verknüpft. Das eigene Leben wird auf Facebook protokolliert. Das kann man mögen oder auch nicht. Aber es ist eine große Veränderung – ein big shift – in der Funktionsweise von Social Networks. Facebook hat die Größe und die Möglichkeit, hier einen Standard zu setzen. Facebook wird damit die zentrale Medienplattform im Netz und nicht mehr nur für soziale Kontakte und Interaktion.

Nach der Veröffentlichung eines ernstzunehmenden Konkurrenten durch Google hat Facebook es geschafft, sich auf ein neues Level zu bringen. Meiner Meinung nach ist es ein Big  Bang – was meint ihr?

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