Ein Dorf verabschiedet sich aus dem Web 2.0

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“Wir sind dann mal offline”, das ist das Fazit der Sitzung der Gemeindevertretung Delingsdorf (Schleswig-Holstein) von gestern. Dort haben die Gemeindevertreter mehrheitlich beschlossen, alle Profile in Social Networks zu löschen. Malte Steckmeister, der die Gemeinde-Website delingsdorf.de und die Auftritte auf Facebook und Twitter betreut, ist Mitglied der Gemeindevertretung und hat für den Erhalt der Auftritte gekämpft. Und leider verloren.

Die Webseite der Gemeinde Delingsdorf soll nach Wunsch der Gemeindevertreter zukünftig der einzige Auftritt im WWW sein. Die Zeiten von Facebook, Twitter und Co sind in Delingsdorf vorbei.

Delingsdorf verabschiedet sich aus dem Social Web

In seinem Blog hat Malte die Argumentation der Gegner von Social Media zusammengefasst. Es sind Vorurteile, wie sie viele Menschen haben, die sich nicht mit den Themen Internet und Social Media beschäftigen. Und Malte hat versucht diese Vorurteile gerade zurücken. Er konnte sich leider nicht durchsetzen. Zu Recht ist Malte enttäuscht über die engstirnigkeit seiner Kollegen in der Gemeindevertretung.

Malte gibt alias @Stecki auf Twitter den Abschied der Gemeinde Delingsdorf aus dem Social Web bekannt.

Ich gebe hier einfach mal die Argumente gegen Facebook und Co so wieder, wie Malte sie aufgeschrieben hat:

  1. US-amerikanisches Unternehmen, das damit Geld verdient
  2. Unzulässige Werbung für 1.
  3. Wappenmißbrauch
  4. Datenschutz
  5. Da könne ja jeder etwas schreiben.
  6. Im Netz sei nur eine bestimmte Schicht/ein bestimmter Typus unterwegs.
  7. Kann man eine Sperre einrichten, damit Delingsdorfer Inhalte nicht auf Facebook erscheinen? (im konkreten Fall wollte man nicht, daß die Tagesordnung der Sitzung bei Facebook erscheint, dabei handelte es sich schlicht um einen Link zur Tagesordnung auf delingsdorf.de).
  8. Soziale Netzwerke seien Zeitverschwendung, denn es würde [den Vortragenden] nicht interessieren, was Person xy von sich gibt.
  9. Wer etwas über Delingsdorf wissen will, möge die Internetpräsenz der Gemeinde besuchen oder enstprechend Googeln.

Malte ist in seinem Blogbeitrag ausführlich auf die Diskussion und die Argumente eingegangen. Am besten lest ihr euch das direkt bei Malte durch.

Delingsdorf verweigert den Dialog mit den Bürgern

Die Auftritte auf Facebook und Twitter der Gemeinde Delingsdorf wurden genutzt, um Inhalte von delingsdorf.de zu verbreiten und so den Bürgern einen einfachen Zugang zu den Gemeindethemen zu bieten. Es waren keine politischen Auftritte irgendeiner Seite sondern neutrale Informationen zum Gemeindeleben.

Interessant, dass laut Malte das Thema Datenschutz in der Diskussion keine Rolle gespielt hat. Es mögen wohl einfach fehlende persönliche Erfahrungen mit dem Medium Internet und Social Media sein, die zu der Entscheidung führten.

Es ist wirklich schade, dass eine Gemeinde sich der direkten Kommunikation mit dem Bürger verweigert und sich aus dem Social Web verabschiedet. Bürger haben immer eine gewisse Hemmschwelle, sich mit der Gemeindeverwaltung und den Gemeindethemen auseinanderzusetzen. Social Media ist ein gutes Mittel diese Hemmschwelle zu verkleinern. Dazu muss die Gemeinde aber auch bereit sein und sich dem Dialog öffnen. Denn darum geht es: Dialog. Das hier eine Mehrheit der Gemeindevertreter sich dem Dialog entziehen will, ist schon bezeichnend. Open Government ist nicht gewollt.

Zudem bieten sich – grade für kleine Gemeinden – Möglichkeiten zum Marketing, zur Werbung für die Gemeinde. Und das auch noch relativ günstig. Natürlich nicht umsonst, denn Zeit muss auf jeden Fall investiert werden. Doch das ist jetzt vorbei.

Ganz wird sich die Gemeinde Delingsdorf nicht von Facebook verabschieden können. Denn es wird auch in Zukunft eine Facebook Seite zu Delingsdorf geben, mit dem Wikipedia-Eintrag der Gemeinde. Da fragt man sich doch: Warum wird dieser eigentlich nicht gelöscht? Und man fragt sich: Wissen die Gemeindevertreter überhaupt, dass es einen Wikipedia-Eintrag gibt und das dieser auf Facebook erscheint?

Delingsdorf wird mit dem Wikipedia-Eintrag auf Facebook erreichbar bleiben

Wie werden die Gemeindevertreter in Delingsdorf wohl reagieren, wenn die Open Data Diskussion in den Kommunen ankommt. Wie denkt ihr über das Vorgehen der Gemeindevertretung? Wie kann man solchen Problemen in Zukunft entgegenwirken? Müssen Kommunalpolitiker besser in den Themen Internet und Social Media geschult werden?

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